Note: The original uses both Fraktur and Latin typefaces. Page breaks are marked with three dots. Obvious typos and comments are supplied in square brackets. Transcription by T. Dent, Heidelberg 2006
pp.61-70
Es ist in diesem Tractätlein unterschiedliche mahle von einem temperirten Clavier erwehnet worden; wenn dann einem Incipienten offte nicht bekant / was die Temperatur sey / und was die Stimmung des Claviers in sich habe / so bin ich veranlasset worden / mit wenigen zu zeigen / wie man ein Clavier temperiret stimmen könne. Die Temperatur aber hat ihren Uhrsprung daher / weil man bey dem Gebrauch des Clavier nicht alle Consonantien / wenn man von einem Accord zum andern ... schreitet / rein haben kan / so muß daher einer Consonantie etwas gegeben / einer andern etwas abgenommen werden / daß also ein erträgliches und angenehmes temperament daraus enstehet / da nun eine Consonantia gegen die andere etwa zu hoch oder zu niedrig stehet / so nennet man dasselbe eine Schwebung; Dieser Nahme kömt führnehmlich von den Orgelmachern her / denn wenn sie zwo Pfeiffen zusammen stimmen / und dieselben bald reine sind / so machen solche Pfeiffen / wenn sie zugleich mit ein ander angehalten werden / einen Tremorem, oder Zittern / je näher nun die Zusammen-Stimmung ist / je langsamer wird der Tremor, wenn sie aber endlich zusammen gestimmet sind / so lässet sich der Tremor, oder das Beben nicht mehr hören / und solche zwo Pfeiffen offte / als wenn es eine Pfeiffe wäre: dieser Tremor, oder Bebung wird von denen Orgelmachern Schweben genennet. Sie ist auch zweyerley / als / wenn der oberste Clavis gegen den andern zu hoch ist / so heist man es / in die Höhe schweben / ist er zu niedrig nennet man dasselbe niedrig schweben / oder umgekehret. Ist der obere Clavis gegen den untersten zu hoch / so nennet man den untersten niedrig schwebend / und also hanget der Schwanz am Hunde / und kan der Hund am Schwanze hangen. Aus diesen Terminis sind offte Mißverstände erwachsen / also daß einer den andern nicht verstehen kan / wodurch denn Zanck und Streit unter den Musicis entstanden / darum habe dieses auch zuerwehnen Uhrsach genommen. Wenn aber diese Schwebungen / oder Tremores auf denen beseiteten Instrumentis, als Spineten Clavichordiis und dergleichen / so vernehmlich nicht können verstanden werden / und einem Discipel eine Orgel-Stimme zu tem- ... -periren vorkömt / auch gar nicht zukömt [facsimile unclear] / so kan man am füglichsten durch ein gut und beständiges Regal den Versuch thun / und sich in Stellung solcher Temperatur exerciren / und gewiß machen: denn hierzu gehöret eine Erfahrung / ob man schon weiß daß diese Consonantia gegen die andere 1.2. oder 3. viertel Commata schweben muß / so kan doch das arme Gehör nicht accurat wissen / ob selbige Schwebungen zu groß oder zu klein / zu langsam oder zu geschwinde schlagen. So ist auch ein grosser Unterschied / wenn zwo grosse / oder zwo kleine Pfeiffen mit einander gestimmet worden, zum Exempel / ich habe eine Octava als c und c' 4. und 2. Fuß zustimmen / item c['] c'' als 2. und ein Fuß / c c' wäre ein Comma zu klein / oder unrein / c' und c'' stünde eben in der Differanz und wäre ein Comma zu klein oder unrein / so würden doch c und c' als 4. und 2. Fuß noch einmahl so langsam tremuliren / oder schweben / als c' und c'' und so weiter die Quinten werden eben in ihrer Proportion 2/3 langsamer / oder geschwinder / nach dem in der Tieffe / oder Höhe / die kleinern oder grössern Pfeiffen angeschlagen / oder gestimmet werden tremuliren. Darum ist es schwer / die Gewißheit der kleinern Differentien gantz genau durch das Gehör zu unterscheiden. Inzwischen aber hat man durch die Demonstration im Monochordo die Gewißheit / und Anleitung wie man durch das Gehör die Sache angreiffen möge; da dann in unserm Monochordo unterschiedliche Arten zu temperiren / und zustimmen zu finden sind. Wir wollen aber hier nur einfältig und mechanice handeln / weil die Anfänger / auch viel andere nicht wissen was ein Comma Musicum oder Snipzel wie es die Holländer vide Doct. J.A. Ban. Zangle-Bloemzel. nennen sey / es können ... zwar alle Quinten 1/12 Commatis die oberste von der untersten / herunter schweben / dahingegen die Tertia majores 2/3 zu groß die Minores 3/4 zu klein werden / welches alles zu erdulden / wenn man durch das gantze Clavier gehen wolte / und aus allen Clavibus alle Lieder tractiren würde. Wir wollen aber in unsern Unterricht keines Commatis gedencken / und nur wie gemeldet einfältig verfahren / und dis Werck also beschreiben / daß das Genus Diatonico-Chromaticum, welches heutiges Tages am meisten gebrauchet wird / am reinesten bleibe. Wer demnach stimmen und 12. Claves in einer Octava temperiren und das gantze Clavier einrichten will / der kan zum Fundament-Clave nach Beliebung das ungestrichene c (4. Fuß Thon) nehmen / und so hoch (es sey Chor- oder Camer-Thon) als ihm beliebet stimmen: Zu diesem kan er nach Belieben rein stimmen c' zu dem c ungestrichen / nehme er die Quintam heraufwerts g selbige kan ein klein wenig gegen das c herunter schweben. Zu diesem g kan er wider das d' also stimmen daß es auch ein gar weniges gegen das g herunter schwebe; zu dem d' mache man gantz rein das d ungestrichen zu dem d nehme er wieder die Quintam a herauffwerts / und lasse es ein gar weniges herunter schweben. Zu diesem a werde wieder die Quinta e' gezogen / daß es auch ein gar weniges herunter schwebe: Nun halte man dieses e' zu dem c oder c' eingestrichen / ist diese Tertia c e' oder c' und e' erträglich / also daß das e' nicht gar zu starck in die Höhe schwebe / so ist dieser Process getroffen / und ist die erste Probe / denn all Tertiae majores müssen über sich (gegen ihren untern Clavem[)] schweben; Ist aber der Clavis e' allzuscharff oder zu hoch / so müssen die Quinten ein wenig cor- ... -rigiret / und niedergelassen werden / biß das e erleidlich in die Höhe schwebet: Ist nun dieses e' richtig / so kan man fortgehen / und zu demselben die Octavam als ungestrichene e gantz rein machen / zu diesem e stimme man wieder das h daß es wieder gantz subtil herunter schwebe / gegen e hierauff kan man die tertiam maj. als g und h probiren / welches h auch ein wenig / so viel das Gehör ertragen kan / gegen das g herauff schweben muß. Man kan auch ghd' zugleich anschlagen / denn wenn die Trias gehöret wird / so wird die Tertia Major, allemahl erleidlicher. Also ist die Tertia major g h die ander Probe. Zu diesem h kan wieder die Quinta herauffwer[t]s als h und fis' gezogen werden / als daß das fis' wieder ein gar wenig gegen h herunter schwebet. Zu diesem fis' kan fis ungestrichen wieder gantz rein gestimmet werden / darauff kan d und fis, oder d' - fis' wieder zur Probe genommen werden / und muß das fis oder fis' wieder von d in die Höhe schweben. Zu dem fis muß wieder das cis' als eine Quinta gestimmet werden / welches gleicher massen ein wenig unter sich schweben muß. Zu diesem cis' nehme man a als zur Probe / der Tertiae majoris, welche denn wieder / (wie alle Tertiae majores) der oberste Clavis gegen dem untern herauff schweben muß. Zu diesem cis' werde wieder rein gestimmet / die Octava cis zu diesem cis kan die Quinta gis fast rein gestimmet werden / die Probe zu dem gis ist e diese Tertia pfleget wol ein wenig scharff zu fallen / aber wenn man das gis an statt as als f as c' zu gebrauchen gedencket / kan es nicht anders seyn. Zu dem gis wird die Quinta dis' gestimmet. Da denn das dis' von dem gis ein klein wenig über sich schweben kan / damit es zu dem h als eine Tertia major, und zu dem g' als Tertia Major erleid- ... -lich consonire. Zu dem dis' wird die Octava dis wieder rein gestimmet; Auf dieses dis kan nun wider die Quinta b gestimmet werden / welches auch ein gar wenig über sich schweben kan / damit das d' als die darzu gehörige Tertia erleidlich werde. Zu dem b kan die Quinta f' gezogen werden / wieder ein wenig über sich schwebend / oder gar rein / nach dem sich das f zu dem c' als letztern Termino oder auch zur letzten Probe als Tertia m. f und a halten will; Das f aber wird zu dem f' vorher erst rein gemachet / welches denn zu dem c' und a probiret wird / solte nun etwa eine oder die andere Quinta zu niedrig oder zu hoch gestimmet seyn / so kan man allemal dieselben corrigiren / denn werden die Tertien allemal erleidlich fallen / bevorab / weil sie vielmehr als die Quinten / indem sie nicht so vollkommen sind als die Quinten / nach ihrem proportionibus ertragen können. Und auf diese Weise sind nun alle Consonantiae simplices auch etliche Compositae rein: Als von c cis d dis e f fis g gis a b h c' cis' d' dis' e' f' fis' die übrigen können alle durch die Octaven rein gestimmet werden / so wol die Obersten als die Tieffen. Sonsten kan man die Clavichordia insgemein / wie sie hier zu Lande[ ]befindlich / wenn sie nicht bindfrey / und die Tangenten vorher / auff eine gute Temperatur eingerichtet sind / gantz comperdiose und mit geringer Mühe stimmen / welches ich denen einfältigen Discipulis noch hier beyfügen wollen. Erstlich stimme man c und c' gantz rein; darnach kan man die Quintam zum c als das g ein klein wenig herunter schwebend ziehen / darnach die Tertiam als e von c herauffwer[t]s so viel das Gehör ertragen kan: wenn dieses Temperament getroffen / so wird dadurch sich befinden / daß cis d dis f fis gis h auch wird gut seyn / weil diesel- ... -ben Claves durch c e und g c' zugleich gestimmet werden / indem es einerley Seiten sind: darnach kan man zum fund c die Tertiam a auch einstimmen / daß selbige Clavis vom f wieder über sich schwebet / so viel es such thun lassen will / sind nun (wie gesagt) die Tangenten vorhero ziemlich zum Temperament gebracht / so wird die gantze Octava guth sein: die andern Octaven können leichte darzu gestimmet werden. Die bindfreyen Clavichordia können gleichfalls durch ein Compendium gestimmet werden / denn wann c g | g d' [|] d a | a e' | e h auf oben beschrieben Weise gestimmet sind / so werden die andern Claves / die man sonst Semitonia nennen will / auch schon gestimmet seyn / so anders die Abtheilung / oder Mensur richtig auf solchen Clavichordio ist: Solte etwa noch ein oder der andere Clavis einen Saiten Chor allein berühren / als das f dasselbe können auch unten und oben durch die Octaven eingestimmet werden / es muß aber die Mensur des Clavichordii just seyn / sonsten wird man nichts gutes stimmen können / solche Clavichordia sind besser / daß man gute Fische damit koche / als daß man sich mit solchen Mißgeburthen ärgere und die Zeit und Harmonia verderbe. Und bierinnen [sic] findet sich auch sehr offte grosser Mangel / das die Clavichordia in den Mensuren sehr unrichtig sind / wodurch mancher durch solche unrichtige Mensuren betrogen wird / denn wenn die Arbeit noch so guth ist / und die Mensuren sind nicht richtig / so wird doch mancher durch ein Clav[i]chordium hintergangen / (auf teutsch betrogen) darum habe ich auch die Discipul oder Anfanger damit warnen wollen / damit sie sich vor solchen Clav[i]chordiis hüten mögen; insonderheit ... wenn sie etwa nicht bezogen sind; denn dergleichen sind mir offte vorkommen / wenn ich aber die Mensuren examiniret / so sind sie gar nicht zu curiren gewesen; da nun die Mensur nicht richtig / so ist ein solch Clav[i]chordium gar nichts nütze und unmüglich zustimmen / weßwegen man sich vor solchen Mißgeburthen und monstris im kauffen wohl vorsehen muß. Es sind aber bey den Stimmen / unterschiedliche Cautelen in acht zu nehmen / und gehöret grosser Fleiß / und gute Geduld darzu: denn wenn man eine Orgel-Pfeiffe nur ein wenig angreifft / oder lasset dem Odem daran gehen / in dem man sie stimmet / so bekommet sie einen höhern Sonum, wird sie wieder kalt / so wird der Sonus wieder tieff; item es pflegen sich auch die Saiten wieder herunter zuziehen / wenn sie ein wenig gestanden haben / darum muß man öffters hören / ob auch die Octaven noch rein seyn / sonst kan man grausam verführet werden. Bey Windfalschen und untüchtigen Regalen kan man auch gar leichte betrogen werden / und ist nicht gleichviel wenn man die Sache nicht wol in Acht nimt / daß man sage dieses gehet nicht an / oder fället wol gar auff eine Lästerung. Ich kan mich nicht genung verwundern wenn man die alte hypothesin behaupten will / das[s] alle Quinten ein viertel eines Commatis im gantzen Clavier herunter / und alle Tertien rein seyn müsten / da ich doch in ihren Orgel-Wercken gefunden / datz[ß] die meisten Tertiae majores zu groß und über sich schweben / welches auch also seyn muß / und nicht anders sich practiciren lässet / also müssen sie zum Theil nach ihrer Gewohnheit ohne Grund dahin ... stimmen / es gerathe wie es wolle; indem sie nicht penetriren können ob die Tertien schweben oder nicht / insonderheit da sie nicht allemal ad tremorem zu bringen sind. Es findet sich auch in den alten Wercken nicht / daß die Quinten 1/4 Commat. wie sie vorgeben schweben solten / es würde sonst wunderlich heraus kommen / die letzte Quinta wolte den Hunden und Raben zu Theile werden. Uber dieses dissoniren die Quinten so 1/4 Com. zu klein sind / sonderlich wenn sie allein / ohne Zuthuung der Tertien angeschlagen und ein wenig zu niedrig gestimmet werden / so heßlich daß man sie kaum vertragen kan / kein gesundes Ohr wird solche lahme und faule Quinten wol billigen. Eine Tertia so 2/3 biß 3/4 Com. zu groß ist / klinget den Gehör angenehmer / also eine solche faule Quinta; denn je perfecter eine Concordantz ist / je weniger sie vertragen kann. Nun ist eine Tertia so vollkommen nicht als eine Quinta daher kan eine Octava am wenigsten / oder gar kein Temperament erleiden / welches die Erfahrung selbst bezeuget / wenn die rechten Proben angestellet werden / nach den wahren proportionibus. Ob nun in diesem Unterricht fast alle Quinten herunter schweben / oder zu klein sind / so ist es doch bey weiten kein 1/4 Commat. sondern nur ohngefähr 1/8 bis 1/12 Commatis, da keine Quinta laediret wird / daß sie dem Gehör verdrießlich fallen solte. Die lieben Alten haben vielleicht diesen Irrthum wol erkant / da sie diese Herabschwebung 1/4 Commat. genennet und numerum certum pro incerto in ihre praxi genommen. Es kan auch diese Gewohnheit zu reden aus dem genere diatonico herkommen / denn wenn F c c g g d d a a e' e h 1/4 Comma schweben / so werden die Tertien rein; diejenigen aber so. diese Hypothesin mathematice behaubten und in 12. Clavi- ... -bus in einer Octava, und folglich durchs gantze Clavier wollen schweben lassen / dieselben irren gar sehr: in unsern Monochordo ist der Irrthum klar vor die Augen gestellet / man circule und rechne es nach / die Wahrheit lieget vor Augen. Wolte man das alte Boethianische Comma, davon Calvisius Exercit. 3. pag. 97. meldet verstehen wollen / so wäre die Hypothesis hoch ärger / denn dasselbige Comma ist noch etwas grösser als das Zarlinianische 80. 81. und würde die Quinta noch fauler werden; Wir wollen aber auch hierüber einem jeden seine Meinung lassen / mit niemandem zancken / ein jeder mag glauben was er will / wer die Wahrheit selber erfahren und erkennen kan / der wird keinem Irrthumern / oder auff gut Bereden / oder den vorgefasseten Meinungen glauben. GOtt gebe daß wir die Wahrheit in Geistlichen und natürlichen Dingen / zu seines Namens Ehr und guter Auffnahme der Music erkennen mögen. Damit nun ein Incipiente die Consonantien und alle Intervalla in temperirten Clavier desto eher erkennen lerne / haben wir zum Beschluß diese Tabellam noch mit beyzufügen nicht undienlich erachtet.
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| 8 | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | Octava |
| 7 | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | Septima major |
| 7 | b | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | Septima minor |
| 6 | a | b | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | Sexta major |
| 6 | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | Sexta minor |
| 5 | g | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | Quinta |
| 5b | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | e | f | fs | Quinta imperf. |
| 4 | f | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | e | f | Quarta |
| 3 | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | e | Tertia Major |
| 3 | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | d | ds | Tertia Minor |
| 2 | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | d | Tonus 1.Seconda |
| 2 | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | cs | Semitonum |
| 1 | c | cs | d | ds | e | f | fs | g | gs | a | b | h | c | Fundam.Claves |
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